25.11.2011
Die TV-Werbung suggeriert Unglaubliches: Muskelpakete antrainieren, ohne etwas dafür zu tun, durch bloßes Auf-der-Couch-liegen. Alles nur durch ein Wundergerät, das regelmäßig Strom durch den Körper sendet. Und das für gerade einmal 50 Euro. Die Unternehmen, die solche Werbebotschaften durch den Äther schicken, nehmen sich das immer populärer werdende EMS-Training zum Vorbild. Doch während die Billigvariante aus dem Fernsehen wohl eher Geldscheine als Fettpölsterchen verschwinden lässt, hat das professionelle Pendant mehr zu bieten.
Bereits in den 1970er Jahren wird die Elektromyostimulation, im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Elektromuskelstimulation bekannt, von Medizinern und Physiotherapeuten zur Behandlung von verspannten oder stark übergewichtigen Patienten eingesetzt. Auch zur Verkürzung der Regenerationszeit findet die Methode Verwendung. Immobile Gelenke und ruhig gestellte Muskeln sollten so vor Degeneration geschützt werden. Die Verwendung von galvanischem Strom ermöglicht eine höhere Stoffwechselaktivität der Gewebeschichten und trägt damit zu einer besseren Heilung bei.
Wenig später wird die Trainingsmethode auch in den Leistungssport implementiert. Verlässliche Aussagen über die Wirkung von EMS-Training lassen sich allerdings erst 2004 treffen. In einer Studie, die in mehreren Fachmagazinen veröffentlicht wird, führt der Schweizer Wissenschaftler Dr. Nicola A. Maffiuletti verschiedene Stimulationsvarianten an Leistungssportlern durch. Die erreichten Kraft- und Sprintsteigerungen liegen bei 20 bis 40 Prozent. Doch wie kommt diese Leistungssteigerung zustande?
Verstärkung der natürlichen Muskelstimulation
Muskeln benötigen Reize, um aktiviert zu werden. Der Stimulus wird über das zentrale Nervensystem ausgelöst und über das Rückenmark und Nervenfasern an die entsprechenden Muskeln weitergeleitet. Die Elektromyostimulation verstärkt diesen Reiz über eine externe elektrische Quelle. Letztere erzeugt Impulse mit unterschiedlichen Frequenzen. Die Impulse werden über Elektroden abgegeben, welche entweder direkt auf der Haut befestigt sind oder sich - im Großteil der Fälle - in einer Trainingsweste samt Manschetten befinden. Durch die Impulse erfolgt eine Stimulierung der Nerven; dies führt zur Muskelkontraktion.
Damit das Training effektiv sein kann, reicht es allerdings nicht aus, sich einfach auf die Couch zu legen und auf Ergebnisse zu warten. Essentiell ist eine willkürliche Kontraktion der Muskeln, die haltend (isometrisch) in einer bestimmten Winkelstellung oder dynamisch über ein bestimmtes Bewegungsausmaß (Range of motion, kurz ROM) erfolgt. Im Klartext bedeutet das: Der Trainierende spannt die Muskulatur an oder bewegt sie, wenn der elektrische Stimulus den Körper erreicht. So erfahren die Fasern eine zusätzliche Spannungserhöhung.
Während zu Zeiten, als EMS-Training ausschließlich physiotherapeutischen Zwecken diente, nur einzelne Körperpartien mit Strom versorgt wurden, spricht die moderne Variante (das GK-EMS, GK für Ganzkörper) viele Muskelgruppen gleichzeitig an. In derselben Zeit, in der man normalerweise eine oder zwei verschiedene Übungen durchführt, kann also jetzt der gesamte Körper trainiert werden. Dabei werden auch tiefliegende Muskelfasern angesprochen, die sonst über Halteübungen aus Yoga oder Pilates angesteuert werden müssten. Ebenfalls einzigartig ist die gleichzeitige Aktivierung von Agonist und Antagonist (zum Beispiel Bizeps und Trizeps).
Höchstens 20 Minuten trainieren
Werden viele Muskelgruppen gleichzeitig trainiert, darf das Workout aufgrund der hohen Reizintensität die Grenze von 20 Minuten nicht überschreiten. Ansonsten kehrt sich der Trainingseffekt ins Gegenteil und die Regenerationsphase verlängert sich unnötig. Das Gleiche gilt für eine zu hohe Intensität, zum Beispiel zu sehen an sehr hohen Kreatinkinase-Werten.
Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, zu Beginn immer nur unter Anleitung eines Fitnesscoaches zu trainieren. Der Experte erklärt die Haltungen und Bewegungen, die der Trainierende während der Reizsetzung durchführen muss und stellt in Absprache mit dem Kunden die Impulsstärke ein. Wichtig dabei: Die Reize sollten über die gewohnte Belastung hinaus gehen, aber nicht zu Überforderung, Kontrollverlust der Muskeln oder Schmerzen führen. Nur so ist eine Leistungssteigerung zu gewährleisten.
Ohne Anleitung mit dem Training zu beginnen, ist nicht nur aus wirkungsspezifischer Sicht ungünstig. EMS-Geräte kosten zwischen 7.500 und 12.500 Euro und sind für Privatnutzer damit kaum zu bezahlen. Lediglich Personal Trainer und einige wenige Fitnessstudios sind im Besitz dieser Geräte. Eine Einheit dort kostet im Durchschnitt 25 Euro und ist damit wesentlich günstiger.
Eine Alternative zum Hantelstemmen?
Kann EMS-Training das herkömmliche Fitnesstraining also ersetzen? Die Antwort lautet Nein. Es eignet sich vielmehr als sinnvolle Ergänzung zum gewohnten Workout. Sofern man keine Herzschrittmacher trägt oder schwanger ist, kann man von den positiven Wirkungsweisen profitieren: Förderung von Fast-Twitch-Fasern (die Muskelfasern, die beim Sprint beansprucht werden), Zunahme von Maximalkraft und Kraftausdauer, Ausgleich muskulärer Dysbalancen, Verbesserung der Haltung, Verminderung von Rückenschmerzen, Beschleunigung des Muskelaufbaus nach Operationen, Lösung von Muskelverspannungen und allgemeine Leistungssteigerung – und das bei gleichzeitiger Schonung des Bewegungsapparates.
Muskelaufbau ist (trotz anderslautender Versprechungen in der Werbung) nicht Teil dieser Liste. Dennoch kann EMS-Training einen wertvollen Beitrag leisten – als Impuls für ein wirkungsvolleres Workout.
