11.07.2012
Kennen Sie noch die berühmten Nasenpflaster, die in den 90er Jahren etwa jede zweite Fußballernase schmückten? Die Pflaster sollten die Nasenflügel heben, dadurch mehr Sauerstoff in den Körper strömen lassen und die Leistungsfähigkeit verbessern. Allzu bald stellte sich diese „medizinische Innovation“ jedoch als kompletter Unsinn heraus. Seitdem gestaltete sich das Verhältnis zwischen Sportler und Klebestreifen als schwierig – bis zum Jahr 2008.
Bei den olympischen Spielen in Peking wurden Teams aus 58 Ländern drei bis fünf Zentimeter breite, quietschbunte Pflaster zur Verfügung gestellt – die Kinesio-Tapes wurden erstmals einem breiten Publikum bekannt. Innerhalb kürzester Zeit wurden die herstellenden Firmen mit Anfragen überhäuft. Jeder wollte diese neuartigen Klebestreifen besitzen, schließlich verhalfen sie den Athleten (so machte es zumindest den Eindruck) zu Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Heute ist gefühlt jeder zweite Hobbyläufer von Kopf bis Fuß beklebt.
Da stellt sich die Frage, warum das Kinesio-Taping, auch als K-Taping bekannt, erst in den letzten Jahren in Mode gekommen ist. Schließlich wurde die Methode bereits 1979 durch den Japaner Kenzo Kase entwickelt. Er entwarf Streifen aus fein gewebter Baumwolle, die mit einem dünnen Film Acrylkleber überzogen wurden. Obwohl es direkt auf die Haut geklebt wird, entstehen beim Sport keine Behinderungen oder Hautirritationen, denn das Material ist hochelastisch, atmungsaktiv und hautfreundlich.
Schmerzlinderung durch wellenförmige Hautanhebung
Genutzt wird es vor allem zur Gelenkstabilisation, doch auch bei Muskelproblemen oder inzwischen sogar bei Regelschmerzen und der Behandlung von Brustkrebs. Durch die spezielle Beklebung des Körpers wird die oberste Hautschicht (Epidermis) unter dem Tape wellenförmig angehoben. Dies verbessert die Blut- und Lymphzirkulation an den betreffenden Stellen und soll Verletzungen schneller auskurieren. Zudem reguliert das Pflaster durch seine Elastizität den Muskeltonus. Positiver Nebeneffekt: Nachdem die Verletzung abgeheilt ist, müssen die betroffenen Muskeln nicht, wie beim klassischen Taping, neu aufgebaut werden. Nicht umsonst wird die Methode als Kinesio-Taping bezeichnet (von „kinesis“, griechisch für „Bewegung“).
Damit die K-Tapes ihre volle Wirkung entfalten können, verbleiben sie bis zu zwei Wochen auf der Haut. Obwohl allgemein betont wird, dass sämtliche Tapes den gleichen Effekt besitzen, sind die Pflaster im Handel in den verschiedensten Farben erhältlich und werden von einigen Befürwortern der Heilmethode gemäß der kinesiologischen Farbenlehre angewendet. Dass an über 35 Standorten in Europa spezielle Fortbildungskurse zum Thema Kinesio-Taping angeboten werden und die „K-Taping-Akademie“ als führende Institution in Deutschland mehr als 3.000 Fachleute pro Jahr ausbildet, spricht für die hohe Nachfrage.
Ob die Methode diese Aufmerksamkeit verdient, ist fraglich. Zwar gibt es unzählige persönliche Berichte, in denen die Erfolge mit Kinesio-Tapes hervorgehoben werden, ein wissenschaftlicher Beweis für die Wirksamkeit existiert jedoch nicht. Im Juli 2008 veröffentlichten Forscher des US-amerikanischen Winn Army Community Hospitals eine Studie mit 42 Personen. Diese – allesamt an Schulterschmerzen leidend – wurden zur Hälfte mit Kinesio-Tapes behandelt, während den Probanden der anderen Hälfte als Placebo zwei normale Bandagenstreifen um den Arm gewickelt wurden. Zwar linderte das K-Tape die Schmerzen bei Bewegungen in der Schulter, der allgemeine Ruheschmerz ging jedoch nicht zurück.
Wissenschaftliche Beweise bleiben aus
In einer anderen Arbeit untersuchten neuseeländische Forscher, was über die Wirksamkeit von Kinesio-Tapes bekannt ist. Die Forscher um Studienleiter Sean Williams von der Auckland University of Technology fanden dabei lediglich zehn Untersuchungen, die sich für einen Studienvergleich eignen. Davon untersuchten zwei sportbedingte Verletzungen, nur eine dieser beiden Studien war an Wettkampfsportlern durchgeführt worden.
Es fanden sich Hinweise darauf, dass die Tapes die Muskelaktivität erhöhen – ob positiv oder negativ, blieb aber unklar. Das Fazit der Forscher: Die Sportwissenschaft kann zu diesem Thema nur wenige und zudem qualitativ schlechte Forschungsergebnisse vorweisen. Insgesamt wurden bereits mehr als 100 Studien über Kinesio-Taping veröffentlicht, ohne jemals die Wirksamkeit der Methode feststellen zu können.
Trotzdem greifen viele Praxen bereits auf die japanischen Klebestreifen zurück, alleine schon aus dem Grund, dass die Patienten subjektiv oft eine Linderung ihrer Leiden wahrnehmen. Wer seine Schmerzen mithilfe der Tapes beseitigen möchte, muss dafür jedoch tief in die Tasche greifen: Jedes Klebeband schlägt mit zehn bis 20 Euro zu Buche, Kinesio-Tape-Therapien sind ab etwa 120 Euro verfügbar. Einige private Krankenkassen übernehmen die Behandlungskosten auf Nachfrage, gesetzliche Krankenkassen dagegen nicht.
Trotz der allgemeinen Skepsis, die seiner Heilmethode entgegenschlägt, ist Kenzo Kase von seinem Produkt überzeugt. Und das nicht ohne Grund: 1987, so verriet er in einem Interview mit der britischen Zeitung „The Guardian“, sei sein Chihuahua von einem größeren Hund angegriffen worden. Bereits nach drei bis vier Tagen sei der Vierbeiner jedoch wieder quicklebendig gewesen – dank Kazes Kinesio-Tapes.
