26.05.2013

Martin Henning

Trendsportarten: Floorball – Die eierlegende Wollmilchsau

Martin Henning

Trendsportarten: Floorball – Die eierlegende Wollmilchsau

06.03.2012

Schnell, intensiv, dynamisch, fair und sehr einfach zu erlernen – Man muss schon genau suchen, um eine Sportart zu finden, die all diese Eigenschaften zu hundert Prozent erfüllt. Floorball ist eine solche „eierlegende Wollmilchsau“. Die vor allem in Skandinavien sehr beliebte Freizeitbeschäftigung garantiert maximale Action bei minimaler Verletzungsgefahr und ist daher nicht umsonst einer der diesjährigen Trendsportarten in Deutschland.

2012 finden in der Schweiz die neunten Floorball-Weltmeisterschaften der Männer statt. Seit 1996 treffen sich alle zwei Jahre die besten Teams der Welt, um den Floorball-Champion zu küren. Für Traditionalisten und Sportwettenliebhaber sind die „World Championships“ das perfekte Event, denn: Der Turnierverlauf ist größtenteils voraussehbar. Nur zweimal in der Geschichte des Wettbewerbs (1998 und 2004) hieß das Finale nicht Schweden gegen Finnland. Die beiden skandinavischen Länder sind die absolut dominierenden Mannschaften, lediglich Tschechien und die Schweiz können auf internationaler Ebene mithalten. Doch obwohl Floorball fest in europäischer Hand zu liegen scheint, liegen die Ursprünge dieser Sportart ganz woanders.

In den 50er Jahren sind es nämlich die USA, die Floorball aus der Taufe heben. Als Sommervariante des Eishockeys geplant, firmiert die Sportart zu diesem Zeitpunkt noch unter dem Namen „Cosom-Hockey“. Bald greifen die amerikanischen Highschools und Colleges die Trendsportart auf. Auch Nicht-Amerikanern ist Cosom-Hockey bald ein Begriff. Der Schwede Carl-Ake Ahlquist, ein ehemaliger Handball-Juniorennationalspieler, ist von der Idee gar so begeistert, dass er sie 1969 aus den USA in sein Heimatland importiert, wenn auch leicht verändert: Statt eines Pucks wird nun ein leichter Plastikball benutzt, außerdem wird auf kleine Tore und ohne Torhüter gespielt. Wie in den USA findet Cosom-Hockey auch in Schweden überwiegend in Schulen Zuspruch, bald nehmen Freizeitvereine die Eishockey-Variante in ihr Programm auf.

Weiterentwicklung und IOC-Anerkennung

In Schweden wird Cosom-Hockey als „Innebandy“ bekannt, schwedisch für „Indoor Bandy“ (Bandy ist ebenfalls eine Eishockey-Variante, die allerdings auf einer Eisfläche von der Größe eines Fußballfelds gespielt wird). Finnland und die Schweiz tragen mit ihren Varianten „Salibandy“ respektive „Unihockey“ (Kurzform von „Universal Hockey“, die Bezeichnung Unihockey wurde bis 2009 auch in Deutschland verwendet) dazu bei, dass sich Floorball in den 80er Jahren zur heutigen Form weiterentwickelt. 1986 gründen die nationalen Verbände der drei Länder die International Floorball Federation (IFF).

Jener Weltverband fördert in den Folgejahren die globale Entwicklung der Trendsportart, so entstehen nationale Verbände auf allen Kontinenten, sportarteigene Medien sowie Sportartikelhersteller. Im Dezember 2008 zunächst provisorisch, im Juli 2011 dann endgültig erkennt das Internationale Olympische Komitee IOC Floorball als neue Sportart an. Eine Aufnahme in das olympische Programm ab den Sommerspielen 2020 ist geplant. 2013, also bereits sieben Jahre früher, soll die Eishockey-Variante im Programm der Special Olympics (den Weltspielen für geistig und mehrfach behinderte Menschen) vertreten sein. Ein Grundstein wurde 2009 durch die Anerkennung Floorballs seitens der Special Olympics gelegt.

Trendsportart Floorball beliebt, weil einfach

Kaum eine Sportart konnte in den vergangenen Jahren einen vergleichbaren Mitgliedszuwachs erreichen - zwischen 1995 und 2009 verdreifachte sich die Zahl der Aktiven. Dass Floorball so viele Menschen in seinen Bann zieht, liegt zum großen Teil in der Einfachheit des Sports begründet. Die Regeln lassen sich in kürzester Zeit erklären und sprechen vor allem kontaktscheue Personen an. Grundsatz eines jeden Floorball-Spiels ist nämlich: Jede Aktion gilt nur dem Ball. Im Gegensatz zum Eishockey wird hier viel weniger körperbetont gespielt, lediglich das Drücken mit der Schulter ist erlaubt. Ebenso entfällt das Stockschlagen, das Schwingen und Ausholen des Schlägers über Hüfthöhe, das Hochspringen bei der Ballannahme und das Spielen zwischen den Beinen des Gegners.

Etwaige Regelmodifikationen machen das Tragen von Schutzkleidung überflüssig. Ein Unihockey-Feldspieler trägt lediglich Hallenschuhe, Hose, Stutzen und ein Trikot. Nur der Torhüter ist eishockeyähnlich angezogen. Er trägt lange, gepolsterte Hosen mit speziellen Knie- und Schienbeinschützern, einen Brustpanzer, ein gepolstertes Oberteil (oft in den Teamfarben), einen Tiefschutz, einen Helm mit Gitter und gelegentlich auch Handschuhe.

Auch das weitere Equipment unterscheidet sich von dem des Eishockeys. Der Unihockey-Ball ist ein aus dem Kunststoff Polyethylen bestehender Lochball, der 23 Gramm schwer ist und einen Außendurchmesser von 72 Millimeter hat. Der Unihockey-Schläger wiederum ist zweiteilig (Schaft und angeschraubter Schaufel) und besteht aus kohlefaserverstärktem Kunststoff respektive Thermoplasten. Mit einer Maximallänge von 105 Zentimetern ist er deutlich kürzer als ein Eishockeyschläger.

Eishockey auf dem Handballfeld

Vom Spielprinzip her lässt sich Floorball am besten mit „Eishockey auf dem Handballfeld“ beschreiben. Die Spielfläche in der Großfeld-Version ist 40 x 20 Meter groß, die Teams spielen mit fünf Feldspielern und einem Torwart. 1,15 x 1,60 x 0,65 Meter beträgt die Größe der Tore, diesen vorgelagert ist ein Schutzraum für den Torhüter, der von keinem Feldspieler betreten werden darf. Wie beim Eishockey kann auch beim Unihockey hinter dem Tor gespielt werden. Ziel ist es, mehr Tore zu erzielen als der Gegner. Angepasst an örtliche Gegebenheiten (zum Beispiel die Turnhallengröße) oder Spielerfertigkeiten bildeten sich in der Entwicklungsgeschichte der Trendsportart einige Varianten heraus; neben der erwähnten Großfeld-Variante haben sich in Deutschland und Österreich vor allem Kleinfeld- und Mixed Floorball durchgesetzt.

Kleinfeld-Floorball wird mit den normalen Toren und einem Torhüter, allerdings auf einem verkleinerten Spielfeld von mindestens 24 x 12 Metern und maximal 28 x 15 Metern gespielt. Jede Mannschaft schickt drei Feldspieler und einen Torhüter auf das Spielfeld. Die Kleinfeldvariante ist nicht durch die International Floorball Federation reglementiert, folglich können hier nationale Regelungen Anwendung finden. In Deutschland, Österreich und der Schweiz, in denen zu Kleinfeld-Floorball sogar eigene Meisterschaften ausgetragen werden, orientiert man sich jedoch am Kleinfeldreglement des Schweizer Verbandes (swiss unihockey).

Mixed Floorball findet ebenfalls auf Kleinfeldern statt, unterscheidet sich allerdings in einigen Punkten vom Unihockey-Kleinfeld. Männer/Jungen und Frauen/Mädchen bilden eine gemischte Mannschaft, wobei sich pro Team zwei männliche und zwei weibliche Spieler befinden müssen. Es wird auf 0,9 x 0,6 Meter große Tore ohne Torwart gespielt, prinzipiell ist also jeder Spieler für die Abdeckung des Tores mitverantwortlich. Floorball Mixed dient vor allem als Einsteigervariante für Schul- und Vereinsmannschaften, doch auch hier werden überregionale Wettbewerbe wie die Deutschen Unihockey-Mixed-Meisterschaften ausgetragen.

Größere Professionalisierung notwendig

Größter Zuschauermagnet und gleichzeitig die höchste deutsche Liga ist die 1. Floorball Bundesliga. Sie soll durch attraktive Spiele den Bekanntheitsgrad der Trendsportart erhöhen. Als Highlight zum Saisonabschluss promotet der Floorball Verband Deutschland zudem das „Final4“ des Floorball Deutschland Pokals, bei dem die verbliebenen vier Teams des Wettbewerbs den Pokalsieger unter sich ausspielen. 2012 findet das Event am 19. und 20. Mai in Hamburg statt, etwa einen Monat nach Ende des Ligabetriebs.

Trotz der gestiegenen Aufmerksamkeit rund um Unihockey hat die Trendsportart in Deutschland noch nicht den Grad der Professionalisierung erreicht, wie es in den Vorzeigeländern Schweden und Finnland der Fall ist. Dort ist Floorball die Schul- und Universitätssportart Nummer Eins, der Sport ist medial vertreten. Ende 2010 erschien mit „FBL - Floorball League“ sogar das erste Videospiel, unterstützt von der IFF und der finnischen „Salibandyliiga“. Die Gründung weiterer Vereine, eine enge Zusammenarbeit zwischen Klubs und Verband sowie ausgeklügelte PR-Maßnahmen sind nötig, um Unihockey in Deutschland auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen – es wird ein langer Weg werden. Bleibt zu hoffen, dass das Finale der Floorball-Weltmeisterschaften bis dahin nicht ständig Schweden gegen Finnland heißt.
 

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