17.11.2011
Meine Entwicklung zum Täglichläufer habe ich nie bewusst geplant. Geboren in der verletzungsbedingten Sehnsucht zum Laufen wurde es mit den Jahren zu einer verinnerlichten Philosophie, die latent zu einer Art Lebenseinstellung gewachsen ist. Und warum? Weil ich das Laufen lieben gelernt habe. In diesem Jahr überschritt ich die Grenze von zehn Jahren Täglichlaufen in Serie. Eine Konzeption, die Pro und Contra in sich vereinigt. Wie alles im Leben, kein Licht ohne Schatten – keine Berge ohne Täler.
Täglichlaufen? Und Ruhetage? Regeneration? Überbelastung? Ja, ich kenne all diese Mythen. Führt man seinen Körper behutsam an die neue Erfahrung heran, verflüchtigen sich diese Zweifel von selbst. Heute laufe ich in der Regel 14 Kilometer pro Tag - mal mehr, mal weniger. Als unregelmäßiger Läufer wurde ich oft von Verletzungen geplagt. Wenn ich damals gewusst hätte, in welchem bedeutenden Maß sich diese Probleme mit dem Täglichlaufen reduzieren würden, ich wäre viel früher ein Täglichläufer geworden.
Es tut dem Körper und Geist gut, fördert die Ausgeglichenheit und stärkt die Gesundheit. Man lernt auf die Signale des Körpers zu achten, sie zu verstehen und sich selbst mehr zu vertrauen. Es hat mich komplett verändert. Wer jetzt an den Begriff Zwang denkt, dem sei gesagt, dass man vielleicht sechs Monate aus Zwang Täglichlaufen kann, aber nicht zehn Jahre. Das funktioniert nur durch die Liebe zum Laufen, die tiefe Zufriedenheit und inneren Frieden generiert.
Die kleinen Dinge des Lebens schätzen lernen
Es hat sich in mir die Sehnsucht entwickelt, die Natur in ihrer atemberaubenden Schönheit und Vielfältigkeit täglich beobachten zu wollen. Es hat mich einfühlsamer und sensibler werden lassen. Durch die tägliche Dokumentation bin ich mir meiner selbst viel mehr bewusst. Auch ist mein Augenmerk auf die Zeit konzentriert; auf unsere kurze, vergängliche und unwiederbringliche Existenz in dieser Welt. Meine Wahrnehmung hat sich verschärft, ich achte mehr die kleinen Dinge des Lebens, weiß das Unscheinbare zu schätzen und genieße den Moment. Allein dafür hat sich der Pfad des täglichen Laufens mehr als gelohnt und unendlich oft ausgezahlt. Auch wenn er manchmal seine Härten hat, ja – haben muss. Doch gerade die Widrigkeiten sind es, die den Wert des Täglichlaufens für mich definieren.
Auch enttarnt sich jedwede Motivation als Illusion. Wozu sich noch zum Laufen motivieren, wenn auf Grund des Stils der tägliche Lauf fester Bestandteil des Lebens ist? Es bedarf keiner Gedanken mehr, kein exponiertes Beschäftigen mit dieser Thematik – Täglichlaufen ist ein Teil meiner Selbst geworden. Doch was bedeutet es wirklich, seinen Körper und Geist täglich mit genussvoller Bewegung zu würdigen?
Gefangen im unendlichen Duell der zeitlichen Naturgewalten. Das herbstliche Nebelschwert fuhr gefühllos hernieder, geradewegs in den golden leuchtenden Kettenpanzer des Sommers und durchbohrte ihn mit lächelnder Vehemenz; kalt- und unbarmherzig. Eine unbedeutende Austrittswunde entstand, zurückhaltend in der Ausdehnung – doch es bildeten sich feine Risse, äquivalent verletztem Eis – der Ansatzpunkt zu einer frostigen Expansion, welche immer intensiver voran schreitet. Erst langsam. Latent, kaum sichtbar; später umso rigoroser. Die grüne Herrlichkeit versiegt von Tag zu Tag ein wenig mehr, ein unmerklich schleichender Prozess. Nur abgelöst von gelben Gewändern und roten Farben, die schlussendlich der düsteren Entblößtheit weichen müssen, wenngleich einzelne Bäume zum heldenhaften Widerstand aufrufen und dem Winter beharrlich trotzen werden.
Eine Welt voller Leben, Energie und Frieden
Abgeworfene Blätter, die sanft zu Boden sinken und die Wege samtartig auskleiden. Ein ruhiger Wind galoppiert ungestüm in sie hinein, verwirbelt die Blätter, trägt sie hoch empor und weit mit sich, bevor sie an anderer Stelle auf die Erde herab gleiten. Der zarte Hauch des Lebens. Dunkelheit breitet sich allenthalben aus, grau schattierte Wolken ziehen am Horizont in die Ewigkeit des Momentes. Verhaltene Schritte im finsteren Forst. Die greifbare Einsamkeit in der weiten Abgeschiedenheit begrüßt mich, ja, sie umarmt mich und drückt mir fast die Kehle zu, schnürt mir die Luft ab – dann gibt sie mich plötzlich für einen Bruchteil frei und reißt mich mit, entführt mich; in eine Welt voller Leben, Energie, gefühlten Frieden und sensiblen Empfindungen. Ich laufe und laufe.
Der offene Himmel wird von weißgrauen Wolkenschiffen beherrscht, die geschwind am blauen Horizont dahinziehen und partiell unentschlossen navigieren. Von dannen für alle Zeiten. Indessen die Sonne sich nur zeitweilig die Ehre gibt und ihre goldenen Strahlen lächelnd hernieder sendet. Der Damm liegt verlassen in der Abgeschiedenheit und lädt mich wehmütig zu einem Besuch ein, worauf ich mich freilich mit Freuden einlasse.
Mein gesamtes Laufareal lässt die gelobte Einsamkeit hochleben, eine stille wie belebende Einsamkeit. Nur getragen von einer melancholischen, gehaltvollen Stimmung – welche in jeder Faser meines Körpers und auch Geistes eindringt, die allumfassenden Lebenspartikel entfaltet und Zufriedenheit manifestiert. Dies kann man nur sehen, fühlen und empfinden – mit dem Herzen. Das ist Täglichlaufen.